Chronische Migräne: Behandlung der permanenten Kopfschmerzen

Chronische Migräne: Markieren Betroffene ihre Kopfschmerztage im Kalender, haben sie viele Kreuze zu machen.

Bei einigen Migränepatienten nehmen die Attacken über die Jahre hinweg so stark zu, dass sie fast ständig unter Migräne leiden. Eine derart schwere Form hat tiefgreifende Auswirkungen auf die Lebensqualität, da Betroffene häufig bei der Arbeit ausfallen oder am Familienleben weniger teilhaben können. Wie oft muss eine Migräne pro Monat auftreten, bis sie als chronisch eingestuft wird? Und wie sieht die Behandlung einer chronischen Migräne aus? Wir klären auf und geben Tipps zum Umgang mit der Erkrankung.

Definition: Ab wann ist eine Migräne chronisch?

Laut der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft ist eine Migräne chronisch, wenn an 15 und mehr Tagen pro Monat (über mehr als drei Monate hinweg) Kopfschmerzen auftreten. Außerdem müssen in diesem Zeitraum an acht oder mehr Tagen die Kriterien einer Migräne ohne Aura oder mit Aura erfüllt sein.1

Für viele Betroffene bedeutet das eine extreme Belastung, denn eine Migräneattacke folgt nahezu ohne Pause auf die nächste.

Daneben müssen die folgenden Merkmale zutreffen:

  • Bevor die Migräne chronisch wird, ist eine episodische Migräne bekannt.
  • Andere Gründe für die permanenten Kopfschmerzen sind ausgeschlossen (beispielsweise ein Übergebrauch von Schmerzmitteln oder weitere Erkrankungen).1

Dazu kommt es bei 80 Prozent der Patienten zu Begleiterkrankungen wie Depressionen oder Angststörungen.1

Wer nahezu jeden Tag unter Migräne leidet, kann seinen Alltag kaum noch bewältigen. Die Betroffenen können den täglichen Verpflichtungen nur noch schwer nachkommen und werden von Schuldgefühlen gegenüber Kollegen, Familie und Freunden geplagt.

Beschwerden der chronischen Migräne sind:

  • mittlere bis starke, pulsierende Kopfschmerzen
  • Überempfindlichkeit gegenüber Lärm und/oder Licht
  • Übelkeit bis hin zu Erbrechen
  • Sprachstörungen
  • Schwindel
  • Kribbeln oder Taubheit in Armen und Beinen

Nicht alle Symptome treten bei jedem Patienten auf. Weiterhin können die Ausprägungen ganz unterschiedlich ausfallen.

Diagnose einer chronischen Migräne

Bei der Diagnose muss der Arzt die Migräne von anderen Kopfschmerzen wie häufig auftretenden Spannungskopfschmerzen abgrenzen. Besonders die Einschätzung, ob die chronischen Kopfschmerzen auch Folge eines Schmerzmittelübergebrauchs sein können, stellt Ärzte oft vor eine Herausforderung. Denn die meisten Menschen, die sehr oft Migräne haben, greifen immer wieder zu Medikamenten, um die häufigen Schmerzen erträglicher zu machen. Viele Betroffene entscheiden sich unter anderem auch deswegen für eine Selbstmedikation, weil sie von erfolglosen, schulmedizinischen Behandlungsversuchen frustriert sind.

Daher ist ein ausführliches Patientengespräch äußerst wichtig, damit der Arzt die Diagnose stellen kann. Fragen wie

  • „Wie oft nehmen Sie Schmerzmittel ein?“,
  • „Wie viele Tage im Monat geht es Ihnen so schlecht, dass Sie nichts machen können?“ und
  • „Wie viele Tage sind beschwerdefrei?“

gehören unbedingt dazu.2 Auf diese Fragen können Sie sich optimal mit unserem Migränetagebuch vorbereiten.

Neben dem Gespräch kann der untersuchende Arzt bildgebende Verfahren wie EEG (Elektroenzephalogramm), MRT (Magnetresonanztomografie) oder CT (Computertomografie) einsetzen.

Wer ist anfällig für chronische Migräne?

Wie auch bei episodischer Migräne sind die Ursachen der chronischen Form bisher noch nicht abschließend geklärt. Sie kann als eine Komplikation der episodischen Migräne angesehen werden.3

Davon abgesehen haben Mediziner Risikofaktoren entdeckt, die in Zusammenhang mit der chronischen Migräne gebracht werden. Dazu gehören

  • Übergewicht,
  • Depressionen,
  • Angststörungen,
  • Stress und
  • Schlafstörungen (zum Beispiel durch Schlafapnoe, eine Erkrankung bei der Betroffene nachts Atemaussetzer haben).

Da oft mehrere Familienmitglieder eine schwere Migräne haben, vermuten Forscher außerdem einen genetischen Zusammenhang.4 Frauen sind etwa 4 bis 4,5-mal häufiger betroffen als Männer. Das Durchschnittsalter der Betroffenen liegt bei 42 Jahren. Im Vergleich dazu: Bei Menschen, die an episodischer Migräne leiden, ist das durchschnittliche Alter etwa vier bis fünf Jahre niedriger.5

Behandlung der chronischen Migräne

Mit einer chronischen Migräne sollten Sie sich in die Hände darauf spezialisierter Ärzte oder Kliniken begeben. Denn eine einheitliche Behandlung gibt es nicht, vielmehr wird eine Kombination aus schmerzlindernden Arzneimitteln und vorbeugenden Maßnahmen wie Verhaltensänderungen individuell eingesetzt.

Akuttherapie bei einer chronischen Migräne

Zur Behandlung der chronischen Migräne sind verschiedene Schmerzmittel geeignet. Diese können bei einer sehr starken Migräne auch mit Triptanen kombiniert werden. Lassen Sie sich zur korrekten Einnahme von Medikamenten von Ihrem Arzt beraten, um einen Übergebrauch zu verhindern. Er kann Ihnen auch Arzneien gegen Begleitsymptome wie Übelkeit verschreiben.

Migräneprophylaxe und verhaltenstherapeutische Maßnahmen

Um das Hämmern im Kopf langfristig zu behandeln, ist ein Gesamtkonzept mit unterschiedlichen Herangehensweisen sinnvoll. Dazu gehören eine medikamentöse Prophylaxe sowie verhaltenstherapeutische Maßnahmen.

Für die Prophylaxe mit Medikamenten sind Wirkstoffe aus der Klasse der Antidepressiva und Onabotulinumtoxin A, welches an verschiedenen Stellen im Kopf- und Nackenbereich injiziert wird, erhältlich. Zudem besteht seit kurzem die Möglichkeit, auf eine migränespezifische Antikörpertherapie zur Vorbeugung zurückzugreifen. Diese wird umgangssprachlich als „Migräne-Spritze“ bezeichnet, tatsächlich handelt es sich aber um regelmäßige Injektionen, die die Patienten auch selbst durchführen können.

Als Verhaltensmaßnahme bei chronischer Migräne raten viele Ärzte zu regelmäßigem Ausdauersport – dies soll ebenfalls verhindern, jeden Tag Migräne zu entwickeln. Achten Sie zudem darauf, Ihre persönlichen Migränetrigger zu vermeiden. Das sind zum Beispiel Stress oder ein unregelmäßiger Tagesablauf

Als hilfreich erwiesen haben sich daneben:

Immer wieder berichten Patienten, dass ihnen der Einsatz von Hausmitteln oder Homöopathie geholfen hat. Auch diese alternativen Verfahren lohnen sich ergänzend auszuprobieren.

Mithilfe übergreifender Therapien kann die Anzahl der Kopfschmerztage bei chronischer Migräne deutlich reduziert werden. Wie lange die Migräne-Therapie andauert, richtet sich danach, wie sich die Kopfschmerzen bessern. Auch wenn Sie bisher schlechte Erfahrungen gemacht haben sollten: Verlieren Sie deshalb nicht den Mut und wagen Sie eine erneute ärztliche Behandlung. Die Chancen stehen gut, dass die Häufigkeit der Migräneattacken zumindest soweit verbessert werden kann, dass Patienten wieder nur noch episodisch an Migräne leiden.6

Leben mit chronischer Migräne: Wie sieht es aus?

Permanente Kopfschmerzen belastet nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch das gesamte Umfeld. Wichtig ist, offen miteinander zu reden – unausgesprochene Erwartungen belasten die Situation nur noch mehr und verursachen zusätzlichen Stress.

Scheuen Sie sich nicht davor, sich aktiv Hilfe zu holen! Chronische Migräne ist eine schwere Erkrankung und es stehen Ihnen gewisse Rechtea zu:

Möglicherweise unterstützt Ihre Krankenkassen auch einen Besuch bei einer Verhaltenstherapie oder eine Kur. Dort können Sie lernen, mit Ihrer Erkrankung umzugehen und den täglichen Stress einzudämmen.

Ein Austausch mit Gleichgesinnten kann Patienten mit chronischer Migräne guttun. Dafür können Sie sowohl Online als auch vor Ort nach geeigneten Gruppen suchen. In unseren Patientenmaterialien finden Sie hilfreiche Adressen.

Lesen Sie mehr Tipps und Infos zum Leben mit Migräne.

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1 Deutsche Migräne und Kopfschmerzgesellschaft e.V.: Chronische Migräne: Vorgehen und Empfehlungen. URL: http://www.dmkg.de/kopfschmerz-erkrankungen/stellungnahmen/chronische-migraene-vorgehen-und-empfehlungen.html (Stand 04.06.2019)

2 Fessler B (2012).: Achtung chronische Migräne. Deutsche Apotheker Zeitung Nr. 48. URL: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de/daz-az/2012/daz-48-2012/achtung-chronische-migraene (Stand 04.06.2019)

3 Göbel, H. (2012): Migräne. Diagnostik – Therapie – Prävention. Berlin, Heidelberg: Springer-Verlag. S. 29.

4 Cevoli S. et al. (2009): Family history for chronic headache and drug overuse as a risk factor for headache chronification. Headache Nr. 49, S. 412–418.

5 Straube et al. (2012): Therapie und Versorgung bei chronischer Migräne. In Nervenarzt. Berlin, Heidelberg: Springerverlag, S. 1602. Abgerufen unter: http://www.dmkg.de/files/dmkg.de/Empfehlungen/Empfehlung_Therapie_und_Versorgung_bei_chronischer_Migraene.pdf (Stand: 04.06.2019)

Obermann M. et al. (2014): Therapie der chronischen Migräne. In: Arzneimitteltherapie, Nr. 32, S. 155-158