Migräne oder andere Kopfschmerzen: Arten und Unterschiede

Eine Patientin versucht, sich während der Massage  zu entspannen und Migräne oder Kopfschmerzen kurz zu vergessen.

Im Laufe ihres Lebens leiden 71 Prozent der Deutschen zumindest zeitweise an Kopfschmerzen, die an den Kräften zehren und den Alltag der Betroffenen teils einschränken. Darin eingeschlossen sind jedoch alle Arten von Kopfschmerzerkrankungen. Zu wissen, ob die eigenen Beschwerden von Migräne oder beispielsweise Spannungskopfschmerzen herrühren, ist wichtig, vor allem für eine zielgerichtete Behandlung. Anhand einiger unterschiedlicher Kriterien lässt sich eine Migräne von anderen Kopfschmerzen abgrenzen. Dazu gehören zum Beispiel Ursachen, Lokalisation und Begleitbeschwerden.

Migräne oder Kopfschmerzen vom Spannungstyp – ein kurzer Vergleich

Der Kopfschmerz vom Spannungstyp ist der häufigste primäre Kopfschmerz, der somit nicht die Folge einer anderen Erkrankung ist. Daher lohnt es sich zunächst, Spannungskopfschmerzen von einer Migräne zu unterscheiden. Anhand mehrerer Faktoren, die in der folgenden Tabelle zusammengefast sind, können Sie eingrenzen, zu welcher Art Ihre Kopfschmerzen passen.

SpannungskopfschmerzenMigräne
Schmerz in beiden Kopfseiten einseitiger Schmerz
dumpf-drückende oder ziehende Schmerzen pochende oder pulsierende Schmerzen
keine weiteren Begleitsymptome häufig zusätzlich Übelkeit, Erbrechen und Lichtempfindlichkeit
Bewegung an der frischen Luft lindert die Beschwerden meist hohes Bedürfnis nach Ruhe und Dunkelheit, Bewegung verschlimmert Schmerzen

Dies sind jedoch nur erste Hinweise und Anhaltspunkte – es gibt auch immer wieder untypische Beschwerden, wie beispielsweise einseitige Schmerzen beim Spannungskopfschmerz. Für eine sichere Diagnose suchen Sie einen Arzt auf.

Migräne oder andere Kopfschmerzen: Der Unterschied liegt im Detail

Generell empfindet jeder Mensch Kopfschmerzen anders. Nicht immer lassen sich die Symptome eindeutig einer bestimmten Art von Kopfschmerzen zuordnen. Dennoch unterscheiden Mediziner bestimmte Kriterien, an denen sie die Einteilungen vornehmen können.

Hinweise auf eine Migräne

Wann sind die – oft häufigen – Kopfschmerzen tatsächlich eine Migräne? Die Kopfschmerzen, eines der Hauptsymptome aus dem großen Sammelsurium an möglichen Migräne-Symptomen, können bei jedem Betroffenen in unterschiedlicher Intensität vorkommen. Die Stärke sagt also nicht zwangsläufig etwas über die Kopfschmerzart aus. Generell liegt bei Migräne aber eine Kombination folgender Beschwerden vor:

  • Kopfschmerzen: häufig einseitig (ein Drittel der Patienten hat jedoch Schmerzen, die den ganzen Kopf betreffen3), pulsierend-pochend, verstärken sich bei körperlicher Anstrengung und bei Routineaktivitäten wie Treppensteigen, Dauer zwischen 4 und 72 Stunden
  • Störungen im Verdauungstrakt: Übelkeit (dadurch Appetitlosigkeit), Erbrechen, Durchfall
  • Sinneswahrnehmungen: Überempfindlichkeit gegenüber Licht, Lärm oder bestimmten Gerüchen, visuelle Störungen wie Lichtblitze bei Migräne mit Aura
  • Sensibilitätsstörungen: zum Beispiel Kribbeln und/oder Taubheit in den Armen oder im Gesicht
  • Ruhe- und Rückzugsbedürfnis: unter anderem aufgrund der Schmerzverstärkung bei Bewegung und der Überempfindlichkeitsreaktionen

Für die Diagnose Migräne (mit oder ohne Aura) sprechen folgende Hinweise:

  • Begleitsymptome wie Übelkeit und Erbrechen
  • Schmerz verschlimmert sich bei körperlicher Betätigung
  • mindestens fünf erlebte Schmerzanfälle mit einer Dauer von 4 bis 72 Stunden
  • Schmerzfreiheit zwischen den einzelnen Migräneattacken

Eigenschaften, die nicht für Migräne sprechen

Im Gegenzug gibt es natürlich auch Anzeichen, die nicht auf eine Migräne, sondern auf eine andere Art von Kopfschmerzen hindeuten, zum Beispiel:

  • mäßig bis mittelstarke Kopfschmerzen, die dumpf statt pochend sind
  • der Schmerz wird bei körperlicher Aktivität nicht schlimmer und kann sich sogar verbessern
  • Begleitsymptome wie Übelkeit, Erbrechen, Licht-, Lärm- oder Geräuschüberempfindlichkeit fehlen

Konzentrieren sich die Schmerzattacken auf den Bereich hinter dem Auge – Patienten beschreiben den Kopfschmerz als glühendes Messer, das durch das Auge fährt –, deutet das eher auf Clusterkopfschmerzen als auf Migräne hin.

Starke Kopfschmerzen – automatisch eine Migräne?

Diese Frage lässt sich mit „Nein“ beantworten: Sind die Schmerzen sehr stark und treten sie sehr plötzlich auf, kann es ein fataler Irrtum sein, auf Migräne oder Kopfschmerzen vom Spannungstyp zu schließen. Heftiger, so noch nie dagewesener Kopfschmerz ist ein Warnsignal für ernst zu nehmende Erkrankungen wie eine Hirnblutung, bei der bis zur Behandlung keine wertvolle Zeit verloren gehen sollte. Begeben Sie sich bitte sofort in ärztliche Therapie.

Kopfschmerzarten: sehr vielschichtig

Warum ist es so schwierig, die Kopfschmerzarten zu unterscheiden?

  • Kopfschmerzarten gibt es viele: Die Klassifikation der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft unterscheidet über 240 verschiedene Arten von Kopfschmerzen, bei denen – wie auch bei Migräne – der Kopfschmerz selbst die Erkrankung darstellt.5
  • Kopfschmerzarten sind wandelbar: Die Schmerzhäufigkeit kann sich bei ein und demselben Patienten mit den Jahren verändern und beispielsweise von der episodischen Migräne in die chronische Migräne oder vom episodischen in den chronischen Kopfschmerz vom Spannungstyp übergehen. Manchmal sind es bestimmte Lebensabschnitte, in denen eine neue Entwicklung des bisherigen Krankheitsverlaufs spürbar wird. Beispielsweise nehmen bei 47 Prozent der Migränepatientinnen die Beschwerden während der Wechseljahre zu.6

Zudem müssen Ärzte die möglichen Auslöser miteinbeziehen, denn sie unterscheiden zwischen primären und sekundären Kopfschmerzen: Der primäre Typ entsteht ohne weitere Auslöser, während die sekundäre Form die Folge äußerer Einwirkungen ist, beispielsweise nach einem Unfall oder durch Medikamentengebrauch. Auch diese unterschiedlichen Ursachen spielen bei der Einteilung von Kopfschmerzen eine Rolle.

Auslöser primärer Kopfschmerzen

Neben den Symptomen sind unterschiedliche Auslöser für Migräne und andere Kopfschmerzen bekannt. Als typische Migränetrigger gelten beispielsweise:

  • Hormonschwankungen
  • Stress
  • Schlafmangel

Spannungskopfschmerzen entstehen vor allem infolge von muskulären Verspannungen, Flüssigkeitsmangel oder Zähneknirschen (Bruxismus).

Auch der Clusterkopfschmerz wird den primären Kopfschmerzen zugeordnet. Diesen kennzeichnen anfallsartige, starke und einseitige Schmerzen. Begleitsymptome sind ein angeschwollenes, gerötetes Auge und vermehrte Schweißbildung. Die typischen zusätzlichen Beschwerden von Migräne kommen eher nicht vor. Als Ursachen für die Kopfschmerzen gelten helles Licht, Alkohol oder bestimmte Zusätze wie Süßstoffe in Lebensmitteln.

Besonderheit migräneartige Kopfschmerzen

Kopfschmerzen können in zwei Kategorien gleichzeitig passen. Es gibt Patienten, bei denen sich die Symptomatik nicht zweifelsfrei in ein „Entweder-oder-Schema" einordnen lässt.7 Noch fehlt eine eigene Kategorie für diesen Mischtyp – den migräneartigen Kopfschmerz, bei dem sich Kopfschmerzen und Migräne abwechseln. Je nachdem, welche Kopfschmerzart zum Zeitpunkt des Arztgespräches überwiegt, erfolgt entsprechend die diagnostische Zuordnung.

Ursachen von sekundären Kopfschmerzen

Sekundäre Kopfschmerzen entstehen infolge von Erkrankungen, der Einnahme von bestimmten Substanzen oder nach besonderen Vorfällen, beispielsweise:

Auch Infekte wie Grippe oder Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis) sind eine häufige Ursache für Kopfschmerzen.

Die Behandlung von Migräne oder anderer Kopfschmerzen ist unterschiedlich

Für den Arzt ist es enorm wichtig, zu unterscheiden beziehungsweise festzustellen,

  • ob generell eine Migräne oder Kopfschmerzen vom Spannungstyp vorliegen,
  • ob sich die Schmerzen bereits chronifiziert haben, also der Patient unter einer chronischen Migräne oder chronischen Kopfschmerzen vom Spannungstyp leidet,

um eine zielführende Behandlung einleiten zu können. Eine große Hilfe ist es ihm dabei, wenn der Patient bereits seit mindestens vier bis sechs Wochen ein Kopfschmerz- beziehungsweise Migränetagebuch führt und dieses zum Arztgespräch mitbringt.

Eine Fehldiagnose, was den Unterschied zwischen Migräne und Kopfschmerzen betrifft, kann außerdem zu einer Einnahme von ungeeigneten Medikamenten führen. Bleibt beispielsweise unerkannt, dass nicht nur Verspannungen im Schulter-Nacken-Bereich oder zu lange Bildschirmarbeit für die starken Kopfschmerzen verantwortlich sind, sondern dass eine ausgeprägte Migräne dahintersteckt, wird der Patient womöglich falsch behandelt. Versuchen die Patienten dann auch noch, sich im Alleingang mit Akutschmerzmitteln selbst zu therapieren, besteht die Gefahr, dass die Beschwerden bei zu häufiger Einnahme (Schmerzmittelübergebrauch) sogar noch schlimmer werden.

Für die Migränetherapie sind spezielle Arzneimittel erhältlich, sowohl für die Prophylaxe als auch für die Behandlung akuter Migräneattacke mit Medikamenten

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1 Göbel, Hartmut: Erfolgreich gegen Kopfschmerzen und Migräne, Berlin [u.a.], 82016.

2 IHS Classification ICHD-II: Kopfschmerz vom Spannungstyp; Abgerufen unter: http://www.ihs-klassifikation.de/de/02_klassifikation/02_teil1/02.00.00_tension.html (Stand: 16.11.2017).

3 Nobis, Hans-Günter: Schmerz – eine Herausforderung. 22016, Springer, Berlin [u.a.], S. 22.

4 Schmerzklinik Kiel. Abgerufen unter: https://migraine-app.schmerzklinik.de/migraene-wissen/hormonell-bedingte-migraene/ (Stand: 16.10.2017).

5 Totzeck, A. & Diener, H.C. (2016) Migräne. In: Gaul, C. & Diener H.C. (Hrsg.): Kopfschmerzen. Stuttgart: Georg Thieme Verlag. S. 201

6 Deutsche Gesellschaft für Neurologie: Therapie der Migräne (Leitlinie); Abgerufen unter: https://www.dgn.org/leitlinien/2298-ll-55-2012-therapie-der-migraene, Stand: 16.11.2017

7 Totzeck, A. & Diener, H.C. (2016) Migräne. In: Gaul, C. & Diener H.C. (Hrsg.): Kopfschmerzen. Stuttgart: Georg Thieme Verlag. S. 100